Warum 98 % der Versicherer an der Skalierung von KI scheitern – und wie sie es besser machen können
Fast jede Versicherung nutzt interne Copiloten wie AllianzGPT oder ERGO GPT. Doch 98 % bleiben im Copy-Paste-Modus stecken. Skalierbare Vorteile entstehen, wenn KI tief in Kernprozesse integriert wird. Wer nicht skaliert, riskiert, dass wenige Vorreiter den neuen Branchenstandard definieren.
Fast jede große Versicherung im DACH-Raum wirbt inzwischen mit einem eigenen KI-Copiloten: AllianzGPT, ERGO GPT, Signal-Iduna-Bot oder HDI-CoPilot. Zehntausende Mitarbeitende nutzen diese Tools bereits, oft täglich. Die Berichte sind eindrucksvoll: Mitarbeitende, die in Sekunden Antworten finden, Texte erstellen oder Dokumente zusammenfassen.
Doch die Realität ist ernüchternd: Laut der aktuellen Horváth-Studie (s.u.) haben nur 2 % der Versicherer KI wirklich skaliert und tief in ihre Kernprozesse integriert. 98 % nutzen KI zwar, bleiben aber im „Copy-Paste-Modus“ hängen: D.h. Mitarbeitende kopieren Texte und Bilder in Stand-alone ChatBots, holen Antworten heraus und übertragen diese manuell zurück in Kernsysteme wie Schadenmanagement oder Underwriting.
Der Unterschied zwischen Copy-Paste und Skalierung
Diese Copiloten sind nützlich. Sie steigern die Produktivität spürbar und sind inzwischen in Office-Tools und M365 integriert. Aber sie gelten nicht als „skalierte KI“. Dafür braucht es die Einbettung in Kernsysteme, nur dann entsteht skalierter Business-Nutzen. D.h. der Output unterscheidet sich dramatisch, je nachdem, wie tief die Systeme eingebunden sind. Entscheidend ist, ob man im 1st-Order-Effekt verharrt oder bereits die 3rd-Order-Verschiebungen adressiert.
1st-Order Effect: Effizienz & Produktivität
Alles, was sofort im Alltag spürbar ist: schnellere Arbeit, kürzere Suchzeiten, bessere Antworten.
- AllianzGPT: Auf Azure OpenAI + RAG aufgebaut. Mitarbeitende stellen Fragen zu Tarifen oder Bedingungen, die Antwort kommt in Sekunden statt in Stunden manueller Recherche.
- ERGO GPT: 28.000 Mitarbeitende, über 1,5 Mio. Prompts seit Rollout. Typische Nutzung: E-Mails zusammenfassen, Richtlinien durchforsten, Textbausteine erzeugen.
- Signal Iduna (Gemini über Google Vertex AI): Interner Wissensbot für Service-Mitarbeitende. Verkürzt die Suchzeit um rund 30 %, erhöht die Erstlösungsquote um 20 %.
👉 Ergebnis: Produktivitätsgewinne auf Mitarbeiterebene. Ein echter Hebel, aber noch nicht tief in den Kernprozessen verankert.
2nd-Order Effect: Organisation & Architektur
Die mittelbaren Konsequenzen, die oft übersehen werden: Arbeitsrollen verändern sich, IT-Architektur wird zum Engpass, neue Investitionen werden nötig.
- ERGO Multiplikatoren-Programm: 90 speziell geschulte Mitarbeitende agieren als „Prompt Coaches“. Neue Rollenprofile entstehen, klassische Trainings verändern sich.
- ERGO 130 Mio. Investition in GenAI-Plattformen: Zeigt, dass ohne Cloud, APIs und Datenmodernisierung keine Skalierung möglich ist.
- HDI Global CoPilot: Integration in internationale Programme zwingt Anpassungen in Kernsystemen und Compliance-Prozessen. Die KI läuft nicht nebenher, sondern innerhalb der Produktivsysteme.
👉 Ergebnis: Die Organisation verändert sich, und Unternehmen müssen in Architektur und Change Management investieren, sonst bleibt KI ein Insellösungsthema.
3rd-Order Effect: Markt & Geschäftsmodell
Die strategischen Verschiebungen, die den Wettbewerb (Level-Playing-Field) neu definieren: Geschwindigkeit, Genauigkeit und Kundenerwartungen ändern sich grundlegend.
- HDFC ERGO (Indien): Angebote in unter 3 Minuten, durch ein Small Language Model, das Maklerdaten direkt in Underwriting-Logik übersetzt. Diese Benchmark setzt neue Erwartungen auch im DACH-Raum.
- AXA Group: KI-gestütztes Unfallprognose-Modell steigert Vorhersagegenauigkeit von 40 % auf 78 %. Das verbessert Pricing und Risikoauswahl fundamental und schafft Markteintrittsbarrieren.
- Munich Re Realytix Zero CoPilot: Produktentwicklung in Tagen statt Monaten. Wenn Rückversicherer ihre Innovationszyklen so drastisch verkürzen verändert das auch die Geschwindigkeit der gesamten Branche.
👉 Ergebnis: Hier entscheidet sich, wer nur „mithält“ und wer Märkte aktiv gestaltet.
Werkzeugkasten für Entscheider: Vom Pilot zur Integration
1. Sofortmaßnahmen (7–21 Tage)
- Inventur der KI-Use-Cases: Erstellen Sie eine Liste aller laufenden KI-Projekte. Markieren Sie, welche nur Stand-alone laufen und welche in Kernsysteme integriert sind.
- Killer-Use-Case identifizieren: Wählen Sie einen Kernprozess mit hohem Volumen und messbarem Business-Impact (z. B. Schaden-Bagatellfälle, Policierung einfacher Produkte).
- Tiger-Team bilden: IT, Fachbereich, Compliance mit Ziel einer Integration, nicht nur Pilot.
2. KPIs zur Erfolgsmessung
- Time-to-Decision: Angebotszeit von Stunden auf Minuten (HDFC ERGO).
- Produktivität: Eingesparte Suchzeit (Signal Iduna: ~30 % schneller).
- Qualitätstrefferquote: Prognosegenauigkeit (AXA: +38 Prozentpunkte).
- Nutzungsintensität: Prompts pro Nutzer (ERGO GPT: 1,5 Mio. seit Rollout).
3. Typische Fallstricke und Lösungen
- Use-Case-Zoo: Viele kleine Piloten, kein Impact. → Lösung: Business Value priorisieren.
- Pilotfalle: Gute Demos, keine Skalierung. → Lösung: Integration in Kernsysteme als Pflicht.
- Medienbruch Copy-Paste: Ergebnisse wandern aus Word/Excel in GPT, dann ins Kernsystem. → Lösung: direkte Anbindung via RAG + API.
- Akzeptanzprobleme: Misstrauen gegenüber Black Box. → Lösung: Explainable AI (z. B. Zurich Framework).
4. Interne Überzeugungsarbeit
Das zentrale Argument fürs C-Level-Meeting: „Produktivitäts-KI spart Minuten, Prozess-KI spart Millionen.“ Nur tief integrierte Lösungen schaffen nachhaltigen ROI.
Tech-Stack der Vorreiter
Die aktuellen Projekte zeigen, auf welchen Technologien erfolgreiche Versicherer bauen:
- LLMs & RAG: AllianzGPT, ERGO GPT, Signal Iduna kombinieren GPT-Modelle mit Retrieval-Augmented Generation. So werden interne Dokumente angebunden und Antworten faktenbasiert.
- Cloud-Plattformen: Microsoft Azure (Allianz, ERGO, AXA), Google Vertex AI (Signal Iduna). Vorteil: DSGVO-konforme Hosting-Optionen, Skalierbarkeit.
- Explainable AI (XAI): AXA und Zurich setzen Modelle ein, die Entscheidungsgründe offenlegen – essenziell für Compliance.
- Small Language Models (SLMs): ERGO entwickelt mit IIT Bombay kleinere, domänenspezifische Sprachmodelle für Versicherungsprodukte.
- Integration in Kernsysteme: Erfolgreiche Beispiele binden KI in Guidewire, SAP FS oder Eigenentwicklungen ein. Statt Copy-Paste bleibt die Wertschöpfung im Prozess.
Einordnung in Meta-Trend: KI wird teil der Betriebsinfrastruktur
Der Trend ist unübersehbar: Versicherer bewegen sich weg von Einzelpiloten hin zu unternehmensweiten KI-Plattformen.
- AXA: 400 Anwendungen weltweit, 20 global skaliert.
- ERGO: 130 Mio. € für eine globale GenAI-Plattform.
- Signal Iduna: Servicebot direkt an interne Dokumentation gekoppelt.
Damit entsteht eine neue IT-Schicht: KI als Infrastruktur, ähnlich wie ERP-Systeme vor 20 Jahren. Wer heute investiert, baut sich einen dauerhaften Vorsprung.
Ihre Frage fürs nächste Meeting
„Wollen wir Pilotweltmeister bleiben – oder bis Ende 2025 zu den 2 % gehören, die KI in den Kernprozessen skalieren und echten Business-Nutzen liefern?“
Viele Versicherer bleiben im Copy-Paste-Modus stecken, weil KI als „Produktivitäts-Spielzeug“ missverstanden wird.
Quellen
- Allianz; https://www.allianz.com/de/mediencenter/news/artikel/250218-ai-bei-der-allianz-wie-allianzgpt-den-arbeitsalltag-praegt.html und https://www.allianz.com/de/mediencenter/news/interviews/250129-ki-bei-allianz-transformation-der-versicherungsbranche.html
- AXA; https://www.boerse-express.com/news/articles/axa-aktie-glaenzende-geschaeftsaussichten-802581 und https://www.thebrokernews.ch/tech-trifft-taktik-axa-innovation-3-ebenen/
- Ergo; https://iireporter.com/ergo-empowers-28000-employees-with-generative-ai-assistant/ und https://gccrise.com/ergo-to-invest-e130-million-in-generative-ai-leverages-india-as-key-global-technology-hub/
- HDI; https://www.experten.de/id/4929814/hdi-global-setzt-im-kundensupport-auf-generative-ki/ und https://www.it-finanzmagazin.de/hdi-global-generative-ki-199415/
- Horváth-Studie; https://www.horvath-partners.com/de/presse/detail/ki-skalierung-wird-fuer-versicherer-zur-reifepruefung und https://www.horvath-partners.com/de/presse/detail/ki-skalierung-wird-fuer-versicherer-zur-reifepruefung#:~:text=des Geschäftsmodells oder des Preis,Vorjahr auf Platz acht zurück
- Signal Iduna; https://www.cio.de/article/3842834/signal-iduna-optimiert-ihren-kundenservice-mit-ki-von-google.html und https://www.mynewsdesk.com/de/signal-iduna/pressreleases/signal-iduna-integriert-kuenstliche-intelligenz-ki-in-ihren-kundenservice-3370599
- Zurich; https://versicherungswirtschaft-heute.de/koepfe-und-positionen/2024-12-16/zurich-nutzt-200-ki-losungen-und-baut-globale-start-up-partnerschaften-aus/
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