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So macht KI die Kunden wirklich zufriedener, anstatt nur den Betrieb billiger

Macht KI Ihre Kunden wirklich zufriedener, oder nur Ihren Betrieb billiger? Der Unterschied zeigt, welche KI-Projekte auch 2028 noch Wert schaffen. Eine kritische Einordnung nach Leben, Kranken und Komposit, mit Prüfsteinen für die eigene Roadmap.

So macht KI die Kunden wirklich zufriedener, anstatt nur den Betrieb billiger
VersicherungsTech Magazin: Zufriedenere Kunden, statt nur billigerer Betrieb.

Die Zahlen sind einhellig. Laut Deloitte und dem Insurtech Hub Munich ist KI für 94 Prozent der deutschen Versicherer ein zentrales Thema. 59 Prozent nennen Kundenzufriedenheit als eines der Hauptziele ihrer KI-Investitionen. Die Allianz hat konzernweit über 900 KI-Anwendungsfälle im Bestand. Und trotzdem steht am Anfang dieses Artikels eine unbequeme Frage: Was davon macht den Kunden wirklich zufriedener, und was macht nur den Betrieb effizienter, während im Marketing „Kundenzufriedenheit" auf den Folien steht?

Der Unterschied ist nicht akademisch. Er entscheidet darüber, ob eine Versicherung in fünf Jahren besser wird oder nur billiger. Und er entscheidet darüber, welche der heutigen KI-Projekte Geld bringen und welche einen Markenschaden vorbereiten.

Die zu diskutierende These
„KI sollte beim Versicherungsunternehmen nicht nur menschliche Standardarbeit ersetzen, sondern dessen Möglichkeiten genau dort erweitern, wo bisher die generellen Grenzen des Unternehmens lagen."

Die These ist präziser, als sie auf den ersten Blick wirkt. Sie behauptet nicht, dass Automatisierung von Standardarbeit falsch wäre. Sie behauptet, dass Automatisierung allein zu wenig ist. Der eigentliche Hebel liegt dort, wo ein Versicherer bisher gar nicht hinkam. Nicht, weil er zu langsam war, sondern weil die Arbeit jenseits dessen lag, was ein menschliches Team realistisch leisten kann. Dieser Artikel prüft, wo die Branche tatsächlich auf diesem Anspruch ist.

Zwei Arten von KI-Nutzen, die konsequent verwechselt werden

Die allermeisten Projekte, die Versicherer aktuell unter dem Label „KI für Kundenzufriedenheit" betreiben, fallen in die erste Kategorie. Sie beschleunigen vorhandene Prozesse. Ein Schadenfall wird in drei Tagen reguliert statt in zehn. Eine Kundenanfrage wird in zwanzig Minuten beantwortet statt in zwei. Die Assekurata-Befragung aus Herbst 2025 bestätigt, dass genau das derzeit die Kundenzufriedenheit messbar hebt. Das ist gut. Aber es ist nicht der interessante Teil.

Kategorie 01
Standardarbeit ersetzen

KI macht, was ein Mensch auch könnte, nur schneller und günstiger. Schadenklassifizierung, Rechnungsprüfung, Telefon-Routing, Standardkorrespondenz, Belegerfassung. Der Kunde bekommt ein bekanntes Ergebnis in kürzerer Zeit.

Beispiel: Der Enterprise Knowledge Assistant der Allianz liefert Call-Center-Agenten in Sekunden die richtige Antwort aus der Wissensdatenbank. Dasselbe Gespräch wie zuvor, nur ohne Wartepause.

Kategorie 02
Möglichkeiten erweitern

KI leistet, was ein Mensch gar nicht erst versucht hätte. Individuelle Beratung für drei Millionen Kunden gleichzeitig. Risikomodelle auf Datenmengen, die kein Underwriter je überblicken könnte. Versicherungslücken erkennen, bevor ein Schaden eintritt.

Beispiel: Eine PKV, die aus der Leistungsabrechnung einer Patientin eine wahrscheinliche chronische Erkrankung ableitet und proaktiv auf Disease-Management-Programme hinweist, bevor der nächste Krankenhausaufenthalt kommt.

Die Kategorie-1-Projekte machen einen real zufriedeneren Kunden. Kürzere Wartezeiten, schnellere Auszahlungen, weniger Hin-und-Her. Das ist kein Euphemismus. Aber es ist defensiv. Der Kunde wird zufriedener, weil er weniger geärgert wird. Die Kategorie-2-Projekte machen einen anders zufriedenen Kunden. Er bekommt etwas, das ihm ohne den Versicherer nicht zur Verfügung gestanden hätte.

Die These verlangt Kategorie 2. Die Branche liefert bisher überwiegend Kategorie 1. Daran ist nichts Verwerfliches, denn operative Exzellenz ist ein legitimes Ziel. Nur sollte man es nicht „Erweiterung der Möglichkeiten" nennen, wenn es in Wahrheit eine Verteidigung bestehender Möglichkeiten unter Kostendruck ist.

Der Prüfstein

Fragen Sie zu jedem Ihrer KI-Projekte: Könnte ein ausreichend großes, ausreichend gut ausgebildetes menschliches Team dasselbe Ergebnis liefern, wenn es nur mehr Zeit und Budget hätte? Wenn die Antwort ja lautet, sind Sie in Kategorie 1. Wenn sie nein lautet, sind Sie in Kategorie 2. Die meisten Portfolien haben dort noch große Leerstellen.

Sparte 01 · Lebensversicherung

Wo die Grenze lag: Niemand konnte dreißig Jahre lang mitdenken

Die Lebensversicherung hat den längsten Kundenvertrag im Finanzsektor. Dreißig bis vierzig Jahre Laufzeit. In dieser Zeit wechselt der Kunde mehrfach seinen Beruf, gründet eine Familie, kauft ein Haus, verliert vielleicht den Partner, wird pflegebedürftig. Für jede dieser Lebenslagen wäre eine Vertragsüberprüfung angebracht. Tatsächlich passiert dies in der Praxis fast nie. Der durchschnittliche deutsche Lebensversicherungsbestand sieht den Kunden zwischen Vertragsabschluss und Rentenbeginn seltener als einmal pro Dekade aktiv.

Das ist die eigentliche Grenze der Sparte Leben: nicht die Beratung beim Abschluss, sondern die Nicht-Beratung über die Laufzeit. Kein Konzern kann realistisch zehn Millionen Verträge mit je einem persönlichen Betreuer begleiten, der alle drei Jahre nachfragt. Genau hier läge Kategorie 2, die eigentliche Möglichkeitserweiterung. Eine KI, die aus Kontoständen, Zulagenstatus, Produktstruktur und Lebensereignis-Signalen einmal jährlich ermittelt: Passt dieser Vertrag noch zu diesem Kunden? Wäre ein Tariftausch, eine Beitragsanpassung oder die Absicherung des neuen Partners sinnvoll?

Die Realität sieht anders aus. Die Allianz nutzt KI in Leben bislang vor allem im Underwriting und in der Bestands-Korrespondenz. Der Allianz-Rentenkompass ist ein guter Self-Service-Rechner, aber keine proaktive Betreuungs-KI. Andere große Häuser sind noch weiter weg. Eine Munich-Re-Tochter kann mit REALYTIX ZERO CoPilot ein neues Produkt in Stunden statt Monaten bauen. Das ist Kategorie 2 für den Underwriter, nicht für den Endkunden.

Einordnung Leben
Der Kunden-Hebel liegt in der proaktiven Laufzeitbegleitung, nicht im Vertragsabschluss. Hier ist der deutsche Markt 2026 nahe Null. Die technischen Voraussetzungen bestehen: Bestandssystemdaten plus Lebenslage-Signale plus Produktlogik. Der Stolperstein ist weniger die KI als die aufsichtsrechtliche und vertriebspolitische Frage, wie eine automatisierte Empfehlung unter den Bedingungen der IDD und der kommenden BaFin-Erwartungen an Produktfreigaben vermittelt werden darf.
Sparte 02 · Krankenversicherung

Wo die Grenze lag: Der Versicherer sieht den Patienten erst, wenn die Rechnung kommt

In der PKV und zunehmend auch in der GKV tut sich etwas. Die Debeka-Gesundheits-App hat die Belegeinreichung grundlegend beschleunigt; die Leistungsapps der Kassen und privaten Versicherer sind inzwischen Standard. Das ist Kategorie 1, und die Kundenrezeption ist positiv. Auf den Trustpilot-Bewertungen der Debeka ist das schnelle Bearbeiten über die App einer der meistgenannten Positivpunkte.

Die strukturelle Grenze der Sparte liegt allerdings woanders. Ein Krankenversicherer sieht seinen Versicherten erst, wenn eine Rechnung kommt. Zwischen den Leistungsereignissen ist er blind. Genau das war bis vor wenigen Jahren zwangsläufig so, weil niemand den Personalstock hatte, um bei fünf Millionen Versicherten proaktiv nachzufragen, wie die gesundheitliche Situation gerade ist.

Mit KI ließe sich dieser Zustand auflösen. Aus einem Muster eingereichter Rechnungen lässt sich eine Verdachtsdiagnose ableiten, noch bevor der Patient selbst das Muster erkennt. Eine zweite Antibiotikaverordnung innerhalb weniger Monate, eine Kombination aus Physiotherapie und Orthopädie, ein Anstieg psychotherapeutischer Sitzungen: alles Signale, auf die ein aufmerksamer Hausarzt reagieren würde. Ein Versicherer konnte das bisher nicht, weil kein Mensch fünf Millionen Akten gleichzeitig im Blick hat. Eine KI kann das.

Hier ist die Grenze nicht die Technik. Hier ist die Grenze der Datenschutz, und zwar berechtigt. Der Schritt von der Rechnungsprüfung zur Verhaltens- oder Zustandsinferenz ist rechtlich nicht trivial. Er fällt unter die Hochrisiko-Kategorien der EU-KI-Verordnung. BaFin-Exekutivdirektorin Julia Wiens hat im März 2025 explizit darauf hingewiesen, dass automatisierte Entscheidungen im Gesundheitskontext Diskriminierungsrisiken verschärfen können und Aufsicht bekommen werden.

Einordnung Kranken
Die Sparte hat 2026 den größten Kategorie-2-Hebel, aber auch die engsten Leitplanken. Wer ihn heben will, muss nicht primär KI-Modelle bauen, sondern Governance: Einwilligungsarchitektur, Explainability, menschliche Letztentscheidung, Opt-out-Rechte. Häuser, die das jetzt aufsetzen, werden 2028 messbar bessere Versorgungsquoten haben. Häuser, die erst auf BaFin-Vorgaben warten, bekommen diese dann fertig verpackt und weniger nützlich.
Sparte 03 · Komposit

Wo die Grenze lag: Prävention war ein Marketingwort, kein Produkt

Komposit hat die stärkste KI-Durchdringung. Laut EIOPA nutzen 50 Prozent der europäischen Schaden-/Unfallversicherer bereits KI. Schnelle Schadenregulierung, Bild-Erkennung bei Kfz-Schäden, Betrugsfrüherkennung, automatische Policen-Ausfertigung. Die Guidewire-Konsumentenstudie 2025 zeigt, dass deutsche Kunden diese Veränderung annehmen: Die Skepsis gegenüber KI-Einsatz durch Versicherer ist von 26 auf 17 Prozent gesunken. Das ist der stärkste Rückgang in Europa.

Aber wieder: Das ist Kategorie 1. Schäden schneller regulieren ist operative Exzellenz. Die eigentliche Grenze der Sparte war immer, dass ein Schaden erst bezahlt wird, nachdem er eingetreten ist. Prävention war ein Marketingwort, kein Produkt. Ein klassischer Schadenversicherer hatte weder die Daten noch die Kapazität, um einem Einzelnen zu sagen: „Bei dir besteht ein konkret erhöhtes Risiko für Leitungswasser in den nächsten 18 Monaten, lass deine Hausinstallation prüfen."

Mit Telematik, Smart-Home-Sensorik und verknüpften Wetter-, Hydro- und Bautechnikdaten ändert sich das gerade. Die Guidewire-Daten zeigen, dass die deutsche Akzeptanz für Echtzeit-Fahrdaten in nur einem Jahr um zwölf Prozentpunkte gestiegen ist. Das ist der mit Abstand höchste Zuwachs in Europa, und damit die Eintrittskarte für echte Prävention. Eine Kfz-Versicherung, die den Fahrer vor dem tatsächlich gefährlichen Abschnitt warnt, ist Kategorie 2. Sie leistet etwas, das ein Versicherer ohne KI nie hätte anbieten können.

Die meisten deutschen Anbieter stehen hier am Anfang. Die HUK-COBURG fährt Telematik seit Jahren, die HDI und einige Direktversicherer haben Ansätze. Der Rest der Komposit-Branche diskutiert die Themen auf Konferenzen, während die Prämienmargen unter Druck stehen und Schadenquoten steigen.

Einordnung Komposit
Die Sparte hat die höchste Kundenakzeptanz für KI-gestützte Angebote, aber die größte Differenzierung zwischen Vorreitern und Nachzüglern. Der strukturelle Wettbewerbsvorteil ist 2026 bis 2028 zu gewinnen. Wer Telematik und Sensorik erst 2029 ernst nimmt, wird keine aufholende Investition mehr tätigen können, weil die Vorreiter dann bereits die Datenbasis haben, auf der präventive Produkte spürbar besser funktionieren.

Der Test, den jede KI-Roadmap bestehen sollte

Der „Markenmonitor Assekuranz 2026" von Heute und Morgen kommt zu einem Befund, der für diese Diskussion zentral ist. Der deutsche Markt teilt sich zunehmend in klar positionierte Marken und austauschbare. KI beschleunigt diese Teilung. Häuser, die KI für Kategorie 1 einsetzen, werden operativ besser, aber nicht unterscheidbarer. Häuser, die Kategorie 2 ernst nehmen, bieten ihren Kunden etwas, das die Konkurrenz nicht hat.

„Wenn Ihre KI-Strategie in fünf Sätzen zusammengefasst werden kann, ohne dass ein Wort drinsteht, das auch ein Wettbewerber schreiben würde, dann haben Sie eine Strategie. Wenn nicht, haben Sie einen Kostensenkungsplan mit KI-Label."VTM · Redaktioneller Kommentar

Die These am Anfang dieses Artikels ist damit nicht widerlegt, aber präzisiert. KI soll nicht nur Standardarbeit ersetzen. Korrekt. Aber die Formulierung „dort erweitern, wo bisher die generellen Grenzen des Unternehmens lagen" ist leichter zitiert als umgesetzt. Die echten Unternehmensgrenzen sind in jeder Sparte verschieden, und sie liegen selten dort, wo Projektanträge sie vermuten. In Leben: die Nicht-Beratung über die Laufzeit. In Kranken: die Blindheit zwischen Rechnungen. In Komposit: die Abwesenheit echter Prävention.

Prüfstein für die eigene KI-Roadmap 2026
Vier Fragen, die jedes Ihrer KI-Projekte beantworten muss
  • Frage 1 · Ersetzen oder Erweitern? Könnte ein ausreichend großes menschliches Team dasselbe Ergebnis liefern, wenn es nur mehr Zeit hätte? Falls ja, ist das Projekt Kostensenkung mit KI-Label.
  • Frage 2 · Welche Unternehmensgrenze verschiebt es? Benennen Sie konkret die Grenze des Geschäftsmodells, die bisher bestand. Wenn Sie sie nicht benennen können, verschiebt das Projekt keine.
  • Frage 3 · Ist die Kundenzufriedenheit messbar oder bloß behauptet? Legen Sie vor Projektstart fest, wie NPS, CSAT oder ein sparten-spezifischer Indikator gehoben wird und wann Sie abbrechen, wenn er ausbleibt.
  • Frage 4 · Besteht das Projekt den Vorstandsausfallstest? Wäre der Einsatz dieser KI öffentlich rechtfertigbar, wenn morgen ein Fehler bekannt würde? Wenn die Antwort zögerlich ausfällt, gehört das Projekt zurück in die Governance.
Die VTM-Schlussfolgerung
Die eingangs zitierte These ist richtig, aber unvollständig. KI-Einsatz, der nur Standardarbeit ersetzt, bringt messbare Kundenzufriedenheit, aber nur so lange, wie der Wettbewerber noch nicht nachgezogen hat. Nachhaltige Differenzierung und nachhaltig zufriedene Kunden entstehen dort, wo KI tatsächlich erweitert: in der Laufzeitbegleitung der Lebensversicherung, in der Gesundheitsvorsorge der Krankenversicherer, in der Prävention des Kompositbereichs. Wer das Fenster 2026 bis 2028 für diese Projekte nutzt, baut Vorsprünge auf, die mit Effizienzprojekten allein nicht mehr einzuholen sind.

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