Bagatellgrenze im Kompositschaden: KI senkt die Prüfkosten. Jetzt lohnt es sich, die Schwelle für ungeprüfte Auszahlungen neu zu berechnen
Jahrelang war es vernünftig, Kleinschäden ungeprüft zu zahlen: Prüfen war teurer. KI verändert diese Rechnung. Bleibt die Schwelle stehen, bleiben drei Ertragsquellen unerreicht. Wie hoch sollte sie heute sein? Eine Formel und eine Stichprobe zeigen es.
Wer die Schadenprüfung automatisiert und die Bagatellgrenze unverändert lässt, verschenkt einen großen Teil des Effekts. Die meisten Kompositversicherer haben eine solche Schwelle für ungeprüfte Auszahlungen: den Betrag, bis zu dem sie Schäden ohne vollständige Prüfung regulieren. Viele Häuser nennen sie Bagatellgrenze und verstehen sie als Serviceversprechen. Ihrem Ursprung nach ist sie das Ergebnis einer Rechnung: Die vollständige Prüfung kostet mehr, als sie einspart.
Diese Rechnung stammt aus einer Zeit, in der jede manuelle Prüfung die Arbeitszeit einer Fachkraft brauchte. Automatisierung mit KI senkt die Prüfkosten, und damit wandert die Schwelle nach unten.
Die Schwelle entstand, weil Prüfen teurer war als Auszahlen
Eine vollständige Schadenprüfung bindet eine Fachkraft: Deckung abgleichen, Belege sichten, Rückfragen stellen. Dieser Aufwand ist bei einem kleinen Schaden kaum geringer als bei einem mittleren.
Wie hoch die Prüfkosten sind, unterscheidet sich je Haus und Sparte. Eine greifbare Größenordnung nannte Jochen Wehr von adesso insurance solutions im Podcast Insurance Monday: rund 35 Euro Prozesskosten für einen Standardschaden in Teilen des Kompositgeschäfts. Kleinschäden um 200 Euro würden deshalb häufig ohne Prüfung ausgezahlt. Die Beträge sind Orientierungswerte aus der Praxis, eine öffentliche Branchenstatistik gibt es dazu nicht.
Sie machen die Logik anschaulich. Wer 35 Euro aufwendet, um einen Schaden von 200 Euro zu prüfen, gibt 17,5 Prozent der Schadensumme allein für das Hinsehen aus. So viel bringt eine Prüfung im Durchschnitt kaum ein. Hinzu kommt: Die Kapazität der Fachkraft, die den Kleinschaden prüft, fehlt bei größeren Schäden. Die Häuser legten deshalb einen Euro-Betrag fest, unter dem Auszahlen günstiger ist als Prüfen. Das war eine wirtschaftlich richtige Entscheidung.
Mit KI kostet die Prüfung nur noch einen Bruchteil
Generative KI liest Schadenmeldung und eingereichte Belege, gleicht sie mit den Vertragsleistungen ab und markiert Auffälligkeiten in Sekunden. Für eine solche automatisierte Prüfung nannte Wehr beispielhaft 5 Euro. Auch das ist eine Annahme. Entscheidend ist die Richtung: Die Kostenannahme, auf der die Schwelle beruht, gilt nicht mehr.
Die Prüfkosten sinken allerdings nur, wenn der Schaden durchgängig automatisiert läuft. Laut GDV liefen 2023 erst 33,5 Prozent der Geschäftsprozesse in der Schaden- und Unfallversicherung vollständig automatisiert. Zwei Drittel laufen also weiter über einen Schreibtisch. Eine KI, die einen Schaden in Sekunden bewertet und ihr Ergebnis dann von Hand in ein Altsystem übertragen lässt, senkt die Prüfkosten kaum.
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Was bisher zu klein zum Prüfen war, lohnt sich jetzt
Sinken die Prüfkosten, sinkt auch der Betrag, ab dem sich das genauere Hinsehen rechnet. Um welche Stückzahlen es geht, zeigt die Statistik des GDV: In der Kraftfahrt- und der Sachversicherung verzeichneten die Versicherer 2025 zusammen rund 15,9 Millionen Schäden. Millionen Vorgänge liegen damit in einer Betragszone, in der die Prüfkosten ins Gewicht fallen.
Bleibt die Schwelle, wo sie ist, verzichtet das Haus auf drei Ertragsquellen.
- Deckungsprüfung: Unterhalb der Schwelle verzichtet ein Haus faktisch auf den vollständigen Abgleich mit den vereinbarten Leistungen. Ausschlüsse, Selbstbehalte, Obliegenheiten und Doppelversicherungen bleiben unerkannt. Der Versicherer zahlt dort Leistungen, die er vertraglich nicht schuldet.
- Schadenhöhe verifizieren: Auch ein versicherter Schaden kann zu hoch abgerechnet sein. Wer Rechnungen und Kostenvoranschläge unter der Schwelle nie prüft, erfährt das nicht.
- Regress nehmen: Sie ist als einzige bisher beziffert. Ein Whitepaper der Versicherungsforen Leipzig und des Softwareanbieters Shift Technology schätzt, dass sich 5 bis 15 Prozent der Schadenausgaben zurückholen lassen, wenn Häuser Regresse konsequent verfolgen.
Für Deckung und Schadenhöhe existiert keine Branchenzahl. Was nie geprüft wurde, hat niemand gezählt.
So lässt sich die Schwelle neu berechnen
Schwelle = Prüfkosten je Fall ÷ erwartete EinsparquotePrüfkosten je Fall: Was es kostet, einen Schaden vollständig zu prüfen. Kennt Ihr Controlling.Erwartete Einsparquote: Wie viel Prozent der Schadensumme eine Prüfung im Schnitt einspart, über alle geprüften Fälle hinweg. Kennt bisher niemand, weil unter der Schwelle nie geprüft wurde.
Beispiel mit angenommenen Werten: Spart die Prüfung im Schnitt 5 Prozent der Schadensumme, liegt die Schwelle bei 35 Euro Prüfkosten bei 700 Euro. Sinken die Prüfkosten auf 5 Euro, liegt sie bei 100 Euro.
Eine Rückschau-Stichprobe liefert die bisher unbekannte Einsparquote
Die Einsparquote lässt sich im eigenen Haus ermitteln, ohne dass ein Kunde davon betroffen ist. Dazu prüfen Sie nachträglich, was im vergangenen Jahr unter der Schwelle durchgelaufen ist.
Checkliste: Rückschau-Stichprobe
- Schwelle dokumentieren: Höhe je Sparte, Datum der Festlegung, damalige Kostenannahme
- Volumen bestimmen: Anzahl und Summe der Schäden, die im letzten Jahr unter der Schwelle ausgezahlt wurden
- Zufallsstichprobe ziehen: je Sparte, geschichtet nach Schadenhöhe
- Nachprüfen: Deckung, Schadenhöhe und Regress
- Einsparquote ermitteln: eingesparter Betrag im Verhältnis zur geprüften Schadensumme
- Schwelle neu berechnen: Prüfkosten je Fall ÷ Einsparquote, je Sparte
Drei Dinge gehören in die Entscheidung. Die schnelle Zahlung ist für Kunden und Vermittler ein Leistungsmerkmal. Es bleibt sinnvoll, ein Kulanzband festzulegen: einen Betrag, bis zu dem das Haus bewusst zahlt, auch wenn die Prüfung einen Befund zeigt. Schließlich verursacht jede Ablehnung Folgekosten für Begründung, Rückfragen und Beschwerden. Sie schieben die Schwelle wieder nach oben.
Die Schwelle wird zur Stellschraube der Combined Ratio
In den nächsten drei bis fünf Jahren dürften die Prüfkosten im Standardschaden marktweit sinken. Die Schwelle für ungeprüfte Auszahlungen wird damit von einer stillen Arbeitsanweisung zu einer Stellschraube der Combined Ratio.
Häuser, die sie aktiv führen, entscheiden bewusst, wo sie prüfen und wo sie aus Überzeugung kulant bleiben. Kulanz wird so zu einer Investition in die Kundenbeziehung, deren Preis das Haus kennt.
Ihr Haus kann das. Versicherer kalkulieren seit jeher, ab wann sich ein Aufwand gegen ein erwartetes Risiko rechnet. Aktuariat, Schadencontrolling und Revision beherrschen genau das. Wenden Sie diese Abwägung auf die eigene Schwelle an. Wer die Rückschau-Stichprobe jetzt beauftragt, kennt in wenigen Wochen die eigene Einsparquote und steuert früher.
Quellen
- Versicherungsforen Leipzig und Shift Technology: Regressmanagement, relevantes Thema mit ungenutztem Potential (10.01.2025)
- GDV: Wie die Versicherer ihre Prozesse zunehmend automatisieren (11.11.2024)
- GDV: Kfz-Versicherung, Glasbruch-Schäden haben 2024 zwei Milliarden Euro gekostet (05.11.2025)
- GDV: Statistiken zur deutschen Versicherungswirtschaft 2026, Tabelle 65 (09/2026)
- Insurance Monday: Folge mit Sven Schlünzen und Jochen Wehr, adesso insurance solutions (10/2026)
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