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Greenfield oder Brownfield: Welcher Modernisierungspfad funktioniert wirklich?

Echtes Greenfield ist in der DACH-Versicherung ein Fünf-Prozent-Phänomen. 60 Prozent bauen KI-Plattformen, 26 Prozent ohne Governance. Was funktioniert wirklich, was ist Marketing? Eine ehrliche Bestandsaufnahme zwischen Sollers-Studie, SAP-ECC-Deadline und Berater-Knappheit.

Greenfield oder Brownfield: Welcher Modernisierungspfad funktioniert wirklich?

In einer DACH-Versicherungsvorstandssitzung 2026 hat das Wort „Greenfield" zwei Bedeutungen, je nachdem wer es ausspricht. Aus dem Mund eines CIO ist es eine Zukunftsstrategie, aus dem Mund eines erfahrenen Aufsichtsrats ein Reizwort, das an gescheiterte Migrationsprojekte und ihre Beraterrechnungen erinnert. Beide Lesarten haben einen Hintergrund. Die Frage, ob Greenfield oder Brownfield besser funktioniert, ist deshalb auch nicht falsch. Sie ist nur unterspezifiziert.

Die richtige Frage 2026 lautet: Welcher Pfad funktioniert für welche Sparte, in welcher Reife, mit welchem Vorstandsmandat, und unter welchen veränderten technologischen Rahmenbedingungen, die in Strategiepapieren von 2024 noch gar nicht vorkamen? Die Antwort fällt anders aus als noch vor 18 Monaten. Agentische KI hat die Kernsystem-Architektur neu sortiert. Das Model Context Protocol (MCP) ist 2025 zum Standard geworden. Anthropic hat im Februar 2026 die Wirtschaftlichkeit der COBOL-Discovery neu aufgestellt. Diese drei Verschiebungen verändern die Greenfield-Brownfield-Abwägung mehr als jede Beratungsfolie der letzten zehn Jahre.

Was die Branche im Oktober 2025 wirklich gemessen hat

Die belastbarste Datenbasis zur DACH-Modernisierungsfrage liefert aktuell die Sollers-Studie „Unter der Oberfläche: KI in der Versicherung", veröffentlicht im Oktober 2025. Sie basiert auf tiefgehenden Interviews mit Führungskräften aus 35 Versicherungsgesellschaften in Europa und Nordamerika, mit deutschem Schwerpunkt. Die Studie ist nicht primär eine Modernisierungserhebung, aber sie liefert den entscheidenden Befund für die Kernsystem-Debatte: 60 Prozent der befragten Versicherer haben eine KI-gesteuerte Plattform implementiert oder befinden sich aktiv in der Implementierung. 26 Prozent verfügen aber über kein formelles Governance-Modell für KI.

Diese zwei Zahlen sind die eigentliche Auflösung der Greenfield-Brownfield-Debatte. Wer eine KI-gesteuerte Plattform betreiben will, ohne sein Kernsystem für API-first, Event-Streams und sichere Integrationsstandards umzubauen, betreibt Schaufensterpolitik. Die Sollers-Analyse vom November 2025 formuliert das in der ehrlichsten Sprache, die in deutschen IT-Diskursen aktuell zu hören ist: „Unternehmen, die Kernsysteme lediglich Lift-and-Shift in die Cloud verlagern, ohne die Architektur zu modernisieren, werden bereits mittelfristig den Anschluss verlieren."

Das ist eine andere Sprache als noch vor zwei Jahren. Damals lautete die zentrale Frage: Lohnt sich Modernisierung wirtschaftlich? Heute lautet sie: Lässt sich agentische KI auf der bestehenden Architektur überhaupt produktiv betreiben? Die zweite Frage ist deutlich schärfer als die erste. Sie macht aus einer Kostenabwägung eine Wettbewerbsfähigkeitsfrage.

Was MCP für die Architekturdebatte heißt

Das Model Context Protocol, ein 2025 von Anthropic eingeführter offener Standard, hat sich binnen eines Jahres als De-facto-Schnittstelle zwischen KI-Agenten und Unternehmenssystemen etabliert. AWS, Azure, Google Cloud, Salesforce, SAP, alle großen Versicherungs-IT-Anbieter haben MCP-Connectoren angekündigt oder ausgerollt. Wer 2026 ein Kernsystem ohne MCP-Anbindung modernisiert, baut wissentlich an einer technischen Schuld, die in 24 Monaten teurer ist als heute. Das ist die unsichtbare Achse, an der sich Greenfield und Brownfield neu sortieren.

Greenfield und Brownfield, sauber getrennt

Bevor die Pfade abgewogen werden können, lohnt eine präzise Sprache. In der DACH-Versicherung haben sich die Begriffe in den letzten zehn Jahren weichgespült. „Greenfield" wird inzwischen für Vorhaben verwendet, die strukturell verschieden sind, was die Bewertung der Erfolgsaussichten verzerrt.

Pfad 01
Greenfield

Eine neue Plattform parallel zum Bestand aufbauen. Neugeschäft sofort dort, Altbestand entweder migrieren oder über Run-off auslaufen lassen. Saubere Architektur, klare Verantwortung, neue Datenmodelle, cloud-native ab Tag eins.

Stärken

Schnelle Time-to-Market, hohe Automatisierungsquoten, attraktiv für Talent. Bei jüngsten DACH-Greenfield-Sach-Produkten wurden Dunkelverarbeitungsquoten jenseits von 99 Prozent und 24-Stunden-Pricing-Anpassungen erreicht. API-first und MCP-fähig ohne Refactoring-Schmerzen.

Risiken

Doppelte Betriebskosten über mehrere Jahre. Migrationspfad für den Altbestand bleibt offen oder wird zum Folgeprojekt. Funktioniert wirtschaftlich nur bei genug Neugeschäft, das die parallele Plattform trägt. Adacta beschreibt klassische Big-Bang-Migrationen 2026 explizit als „in der Praxis hochriskant".

Pfad 02
Brownfield

Das bestehende System bleibt, wird aber umgebaut. Inkrementelle Modernisierung, weniger Parallelbetrieb, geringere Disruption. APIs als Schicht, Refactoring im Kern, Rehosting der Infrastruktur, schrittweise MCP-Integration.

Stärken

Geringeres operatives Risiko, kein Parallelbetrieb, Wissen bleibt im Haus, IT-Kosten meist niedriger. Mit Anthropics Code-Discovery-Tools (Februar 2026) und IBM watsonx Code Assistant for Z erstmals wirtschaftlich, weil die teuerste Phase, das Verstehen der Bestandscodebasis, dramatisch billiger wird.

Risiken

Die Komplexität bleibt im System gefangen. Nach drei Jahren Umbau sieht die Architektur nur marginal besser aus. Lift-and-Shift ohne Architektur-Modernisierung führt laut Sollers-Analyse zum „mittelfristigen Anschlussverlust". Brownfield ohne Sunset-Plan ist Verzögerungstaktik.

Die Anbieterlandschaft 2026, sortiert

Wer in DACH heute Kernsystem-Modernisierung plant, trifft auf eine Anbieterlandschaft, die sich seit 2023 deutlich verändert hat. Sollers Consulting hat in seiner Marktanalyse vom November 2025 eine Zählung vorgenommen, die als Branchenreferenz brauchbar ist: rund 13 Anbieter sind in Deutschland aktiv präsent, davon fünf lokale Player und acht internationale aus den USA, Bulgarien, den Niederlanden und Israel.

Die Kernsystem-Anbieterlandschaft DACH 2026 (Auswahl)
msg Deutschland · Marktführer
Etablierte Plattformen für Leben und Komposit, baut sein Schaden-System weiter aus. Tiefe Verankerung im deutschen Markt, hoher Anpassungsgrad. Klassische Replacer-Wahl deutscher Erstversicherer.
DE-lokal
Faktor 10 Deutschland · Komposit
Lokaler Anbieter mit starker Position in der Komposit-Bestandsführung. Häufig in Kombination mit Greenfield-Strategien für neue Produkte.
DE-lokal
adesso Insure Suite Deutschland · kleinere Häuser
Bei kleineren Versicherern beliebt. Adesso ist gleichzeitig einer der dominanten Implementierungspartner im DACH-Raum, mit den entsprechenden Kapazitätsengpässen bis 2027.
DE-lokal
Guidewire USA · Komposit-Standard
Globaler Komposit-Standard, in DACH überwiegend bei größeren Häusern. Tiefe Schaden- und Policy-Module. Hohe Implementierungskomplexität, Beraterabhängigkeit.
Internat.
NovumRGI International · breite Anwendung
In Deutschland u.a. bei Volkswohl Bund mit V'ger P&C produktiv. Konfigurations-getriebener Ansatz, kürzere Time-to-Market als klassische Eigenentwicklung.
Internat.
Keylane Niederlande · Herausforderer
Bei Debeka Allgemeine im Komposit produktiv (Axon). Drängt als Herausforderer in den deutschen Markt, mit Schwerpunkt auf cloud-native Architektur.
Internat.
Adacta AdInsure Slowenien · Industriebroker
Mit DVA-Go-live Ende 2024 und Haftpflichtkasse als Neukunde 2025 im DACH-Markt etabliert. Positioniert sich aktiv gegen Big-Bang-Migration, propagiert schrittweisen Modernisierungsansatz.
Internat.
Emil, Peak3 InsurTechs · neue Klasse
Drängen mit cloud-nativer, KI-fähiger Architektur in den Markt. Schmal in den Funktionen, schnell in der Time-to-Market. Geeignet für Greenfield-Sparten, nicht für PKV-Vollersatz.
InsurTech

Diese Übersicht macht eine Beobachtung sichtbar, die in vielen DACH-Vorstandssitzungen 2026 untergeht: Die Anbieterlandschaft hat sich seit 2023 von der Auswahl zwischen drei oder vier deutschen Plattformen zu einem internationalen Wettbewerb mit acht ernst zu nehmenden Optionen ausdifferenziert. Wer 2026 eine Kernsystem-Auswahl trifft, ohne mindestens drei dieser Anbieter strukturiert evaluiert zu haben, wählt nicht den richtigen Partner, sondern den vertrautesten.

Was Greenfield in den letzten zwei Jahren wirklich geleistet hat

Wer Greenfield-Argumente sammelt, bekommt von Beratern bunte Folien. Wer Greenfield-Ergebnisse sammelt, bekommt eine kürzere, aber konkretere Liste. In den vergangenen 24 Monaten haben mehrere DACH-Häuser auf Greenfield-Plattformen Privat-Sach-Produkte mit folgenden Kennzahlen produktiv gestellt: Dunkelverarbeitung jenseits von 99 Prozent, 22.000 Policen in den ersten fünf Monaten Marktpräsenz, sechsstellige Prämienbeträge in der gleichen Zeit, 24 Stunden Time-to-Market für Pricing-Anpassungen über Dynamic Pricing. Diese Zahlen sind nicht typisch für die ganze Branche. Sie sind das, was Greenfield in der Spitze leistet.

Wichtig ist die Sparte, in der das gelingt. Die genannten Werte stammen aus Privatkomposit-Produkten (Wohngebäude, Hausrat, Privathaftpflicht), die strukturell für Dunkelverarbeitung geeignet sind. In komplexer Industrieversicherung, in der Krankenvollversicherung mit ihrer Beitragsanpassungsmechanik, in der Lebensversicherung mit ihrer aktuariellen Tiefe wären solche Werte 2026 nicht ansatzweise erreichbar. Wer ein Greenfield-Argument hört, sollte die erste Folgefrage stellen: In welcher Sparte? Mit welchen Produkten? Auf welcher Datenbasis? Beim Neugeschäft oder im Bestandstransfer?

60 %
haben oder bauen KI-Plattform
Sollers-Studie 10/2025: Anteil der befragten Versicherer mit implementierter oder im Aufbau befindlicher KI-gesteuerter Plattform.
26 %
ohne KI-Governance
Sollers-Studie 10/2025: Anteil der befragten Versicherer ohne formelles Modell zur Steuerung und Überwachung von KI-Anwendungen.
94 %
Treiber Effizienzsteigerung
Deloitte/ITHM-Studie 2025: Anteil der Versicherer, die Prozessoptimierung als wichtigsten Treiber von Modernisierungsinvestitionen nennen.
Ende 2027
SAP ECC End-of-Support
Mainstream-Support für SAP ECC läuft Ende 2027 aus. Versicherer mit ECC in der Finanzbuchhaltung haben keine Brownfield-Verzögerungsoption mehr.

Wo Brownfield seine Stärke hat, und wo es zur Falle wird

Brownfield wurde in den letzten Jahren in deutschen Vorstandsetagen oft als Verlegenheits-Pfad gehandelt: das, was man macht, wenn man sich Greenfield nicht leisten kann oder den Mut nicht hat. Diese Lesart ist ungerecht und für die Branche schädlich. Brownfield kann der ehrlichere Pfad sein, wenn er aus den richtigen Gründen gewählt wird.

Die Stärke des Brownfield-Pfads liegt in der Wissens-Erhaltung. Bestandssysteme deutscher Versicherer enthalten dreißig Jahre lang gewachsene Geschäftsregeln, die selten dokumentiert sind. Wer das System abschaltet, ohne diese Regeln zu extrahieren, verliert Wissen, das in Beitragsanpassungen, Schadenregulierungen, Aufsichtsfragen wieder gebraucht wird. Anthropics Code-Discovery-Tools, vorgestellt im Februar 2026, und IBM watsonx Code Assistant for Z verschieben die Wirtschaftlichkeitsgrenze in Richtung Brownfield, weil das teuerste an einer Modernisierung, das Verstehen der Bestandscodebasis, in den nächsten Jahren billiger wird. Sollers nennt Deutschland in seiner Stellenmarkt-Analyse den Markt mit der weltweit höchsten Dichte an Mainframe- und COBOL-Bedarf. Genau dort ist KI-gestützte Discovery der größte Hebel.

Die Falle des Brownfield-Pfads liegt in seiner Trägheit. Wenn nach drei Jahren Umbau die Architektur nur marginal besser aussieht und die Komplexität nicht zurückgeht, war es kein Brownfield, sondern teure Beschäftigungstherapie. Der Test, ob Brownfield wirtschaftlich gelingt, ist nicht das Aussehen der Architekturdiagramme nach drei Jahren, sondern ob konkrete KPIs sich verändert haben: Time-to-Market für neue Produkte, Dunkelverarbeitungsquote in den Massensparten, Wartungskosten als Anteil am IT-Budget, Vorlaufzeit für Aufsichts-Reportings, MCP-Anbindungsfähigkeit für KI-Agenten. Wer hier drei Jahre nach Programmstart auf den Vorzustand zurückblickt und keine Verschiebung in den Kennzahlen sieht, hat Brownfield falsch gemacht oder hätte Greenfield wählen sollen.

„Brownfield ist nur dann der richtige Pfad, wenn er ein klares Ablaufdatum hat. Brownfield ohne Sunset-Plan ist kein Modernisierungspfad, sondern eine Verzögerungstaktik."VTM · Redaktioneller Kommentar

Die strukturelle Frage hinter beiden Pfaden

Beide Pfade lösen, wenn sie ehrlich gefahren werden, denselben Konflikt: den zwischen Stabilität und Geschwindigkeit. Versicherung ist ein Geschäftsmodell, das in Jahrzehnten denkt. Eine Lebensversicherung, die heute geschrieben wird, läuft bis in die späten 2050er Jahre. Eine Krankenvollversicherung muss durch fünf Jahrzehnte Beitragsanpassungen, Aufsichtsregime und medizinischen Fortschritt tragen. Stabilität ist die unsichtbare Grundlage, auf der das Vertrauen der Kunden steht.

Geschwindigkeit ist seit etwa zehn Jahren das Gegenargument. Die HUK-COBURG, deren Online-Anteil im Komposit-Neugeschäft sich in zehn Jahren von 22 auf 44 Prozent verdoppelt hat, hat Geschwindigkeit nicht aus Mode gewählt, sondern weil der Vertriebskanal sie verlangt hat. Eine HUK24, die ein Kfz-Produkt in 24 Stunden umpreisen kann, wenn ein Wettbewerber die Tarife senkt, agiert in einer anderen Welt als ein Lebensversicherer, der drei Monate für eine Tarif-Anpassung braucht.

Mit agentischer KI verschiebt sich diese Achse 2026 noch einmal. Was bisher als „Geschwindigkeit" galt, war Time-to-Market eines Produkts oder einer Tarifanpassung. Was 2026 als Geschwindigkeit gilt, ist die Fähigkeit, ganze Workflows autonom durch KI-Agenten orchestrieren zu lassen, von der Schadenklassifizierung über die Underwriting-Entscheidung bis zur Vertriebskommunikation. Diese Fähigkeit ist auf monolithischen Bestandssystemen ohne API-Schicht, ohne Event-Streams, ohne MCP-Anbindung schlicht nicht herstellbar. Greenfield gewinnt seine 2026er-Berechtigung dort, wo dieser agentische Workflow das Geschäftsmodell trägt. Brownfield gewinnt dort, wo die Stabilitätsanforderung höher wiegt als die agentische Skalierungsfähigkeit.

Was 2026 die Pfadwahl konkret beeinflusst

Vier Entwicklungen verschieben die Greenfield-Brownfield-Abwägung in einer Form, die deutsche Vorstände beim letzten Strategiezyklus 2023 oder 2024 noch nicht im Bild hatten.

Erstens: SAP ECC End-of-Support Ende 2027. Wer in der Finanzbuchhaltung, im Provisionswesen, in den Backoffice-Funktionen noch auf SAP ECC läuft, hat keine Option auf Brownfield-Verzögerung. Die S/4HANA-Migration zwingt sich auf, ob man sie gerade strategisch finden möchte oder nicht. Diese Migration konkurriert um genau die Berater-Kapazitäten, die parallel für Bestandsführungs-Programme gebraucht werden. Häuser, die beide gleichzeitig fahren, haben ein Prioritätsproblem. Häuser, die sie nacheinander fahren, haben ein Zeitproblem.

Zweitens: KI-gestützte Code-Discovery senkt die Brownfield-Schwelle. Werkzeuge wie Anthropic Claude Code (Februar 2026), IBM watsonx Code Assistant for Z und AWS Transform machen den teuersten Teil einer Bestandscode-Modernisierung billiger: das Verstehen einer dreißig Jahre gewachsenen Codebasis. Wer Brownfield-Refactoring im großen Stil plant, kann 2026 mit einem Bruchteil der historischen Discovery-Kosten kalkulieren. Das schwächt das Greenfield-Argument „der Bestand ist nicht mehr verstehbar" deutlich ab.

Drittens: Stable Core, Adaptive Edge als neue Architekturlogik. Eine Diskussion, die in DACH-Vorständen zunehmend an Boden gewinnt: Standardsoftware-Kern für die stabilen Bestandsfunktionen, agentische KI-Schicht über MCP-Connectoren für die schnell veränderlichen Edge-Funktionen wie Beratung, Schadenklassifizierung, Vertriebsunterstützung. Diese Logik passt nicht in das alte Greenfield-Brownfield-Schema, weil sie beides kombiniert: Brownfield im Kern, Greenfield am Rand. Wer 2026 strategisch denkt, denkt entlang dieser Achse.

Viertens: Die Berater-Kapazitäten sind ausgereizt. adesso, msg, Sopra Steria und die Guidewire-Implementierungspartner haben ihre Senior-Kapazitäten für 2026 und 2027 weitgehend in Rahmenverträgen gebunden. Wer jetzt ein Greenfield-Programm startet und davon ausgeht, in sechs Monaten ein erfahrenes Implementierungsteam aufzubauen, plant gegen die Marktrealität. Brownfield mit weniger externer Abhängigkeit ist auch deshalb 2026 wieder relativ attraktiver geworden.

Die Sparten-Wahrheit, die kein Berater gerne ausspricht

Lebensversicherungs-Migrationen brauchen typischerweise zehn Jahre. Eine Bestandsmigration pro Jahr ist machbar, weil der Finanzabschluss alles andere blockiert. Versicherungsmathematische Senior-Experten sind die Engpassressource, nicht die Java-Entwickler. Wer als Lebensversicherer 2026 mit „Greenfield" wirbt, meint in 95 Prozent der Fälle ein neues Produkt auf einer neuen Plattform, nicht die Ablösung des Altbestands. Das eine ist eine ehrliche Beschreibung. Das andere ist Marketing.

Welcher Pfad funktioniert wirklich? Die ehrliche Antwort.

Die ehrliche Antwort ist nicht eine Antwort, sondern eine Vier-Achsen-Bewertung. Sparte, Reife, Vorstandsmandat, und seit 2026 zusätzlich die KI-Anschlussfähigkeit der Zielarchitektur. Wer alle vier Achsen sauber bewertet, kommt selten zu „reines Greenfield" und ebenso selten zu „reines Brownfield". Er kommt zur Mischstrategie, die in der DACH-Branche längst der Realfall ist. Nur dass die Mischstrategie selten als bewusste Entscheidung kommuniziert wird, sondern oft als pragmatische Folge ungeplanter Umstände beschrieben wird. Das ist verschenkte Strategie.

Die Häuser, die in den nächsten fünf Jahren die größten Modernisierungsfortschritte machen werden, sind nicht die, die sich dogmatisch für Greenfield oder Brownfield entscheiden. Es sind die, die die Mischung als bewusstes Strategiewerkzeug nutzen: Greenfield in den Sparten und Produkten, in denen Geschwindigkeit das Geschäft bestimmt, Brownfield mit Sunset-Plan in den Sparten, in denen Stabilität die Voraussetzung ist, Standardsoftware-Vollersatz für die Funktionen, in denen Differenzierung keinen Wert mehr schafft, und MCP-fähige API-Schichten plus KI-gestützte Code-Discovery zur Beschleunigung aller drei Pfade gleichzeitig.

Diese Mischung in einem klaren Programm zu formulieren, mit Sunset-Daten für jeden Bestandteil, mit messbaren KPI-Zielen, mit transparenten Berater-Bindungen und mit einer expliziten KI-Anschlussfähigkeitsprüfung, ist die eigentliche Modernisierungs-Disziplin von 2026. Sie ist weniger spektakulär als ein einzelnes Greenfield-Projekt mit Pressefoto und ist gleichzeitig wirksamer.

Vier Fragen vor der nächsten Modernisierungs-Entscheidung

Standortbestimmung Modernisierungspfad
Vor dem nächsten Vorstandsbeschluss zu klären
  • Frage 1 · In welcher Sparte und mit welcher Bestandstiefe sprechen wir? Greenfield für ein neues Privatkomposit-Produkt ist eine andere Disziplin als Greenfield für eine PKV-Bestandsablösung. Wer beides unter dem gleichen Begriff verhandelt, baut sich seine eigene Konfusion.
  • Frage 2 · Ist unsere Zielarchitektur MCP-fähig und API-first? Wer 2026 modernisiert ohne explizite KI-Anschlussfähigkeit, baut wissentlich technische Schuld auf. Die Frage gehört in die Architektur-Anforderungen, nicht in eine Folgephase.
  • Frage 3 · Hat unsere Mischstrategie ein Sunset-Datum für jeden Bestandteil? Eine Mischstrategie ohne explizite Ablaufdaten für die einzelnen Altsysteme ist keine Modernisierung, sondern eine geordnete Verlängerung des Status quo. Wer die Sunsets nicht im Programm benennt, hat das Programm nicht zu Ende gedacht.
  • Frage 4 · Wieviel Senior-Berater-Kapazität haben wir bis 2028 vertraglich abgesichert? Bei adesso, msg, Sopra Steria und den Guidewire-Implementierern sind die Kapazitäten knapp. Wer keine vertraglichen Zusagen für die nächsten 24 Monate hat, verschiebt sich automatisch nach hinten, egal welchen Pfad er gewählt hat.
Die VTM-Schlussfolgerung
Die Greenfield-vs-Brownfield-Debatte ist 2026 nicht mehr dieselbe wie 2024. Was sich verändert hat, ist nicht die Lehrbuch-Theorie, sondern der Kontext, in dem sie angewendet wird. Agentische KI macht aus der Modernisierung eine Wettbewerbsfähigkeitsfrage, nicht mehr nur eine Kostenfrage. MCP zwingt jede Architektur-Entscheidung in einen Standard, der vor 18 Monaten noch nicht existierte. Anthropics Code-Discovery-Tools verschieben die Brownfield-Wirtschaftlichkeit in eine Richtung, die noch vor zwei Jahren als Fantasie gegolten hätte. In diesem neuen Kontext ist die Mischstrategie nicht mehr der Kompromiss-Pfad zwischen mutiger Greenfield- und vorsichtiger Brownfield-Schule, sondern die einzige Strategie, die alle vier Verschiebungsachsen abdeckt: SAP-ECC-Deadline, KI-Anschlussfähigkeit, Berater-Knappheit und Sparten-Heterogenität. Wer diese Disziplin 2026 entwickelt, gewinnt nicht den Wettbewerb der schönsten Architektur-Folien. Er gewinnt den, der am Ende zählt: den um den niedrigsten Stückkostensatz pro Vertrag, die kürzeste Time-to-Market und die Aufsichtskonformität, die die nächste DORA-Prüfung verlangt. Das ist es, was die ehrliche Mischstrategie von der gewöhnlichen Verzettelung trennt.

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