FiDA verzögert sich, der Wettbewerb nicht: Wo sich die Kundenschnittstelle entscheidet
FiDA verzögert sich, und viele interpretieren das als Zeitgewinn. Doch die Datenpflicht trifft jeden Versicherer, sobald der Kunde zustimmt. Wer nur liefert, baut das 360-Grad Kundenbild der Konkurrenz. Wer selbst Datennutzer wird, gewinnt es. Die Weiche fällt heute.
Es ist ein gewöhnlicher Dienstagmorgen, als ein Vermittler eines Strukturvertriebs zum Hörer greift. Er weiß bereits, dass die Hausratpolice seines Kunden unterversichert ist, dass der Beitrag zu hoch und der Schutz zu knapp bemessen ist. Er weiß es, weil die App seines Vertriebs es ihm angezeigt hat. Der Versicherer, der diese Police führt, weiß von alldem nichts. Er hat die Daten selbst geliefert. Per Gesetz.
Diese Szene gibt es heute noch nicht. Mit FiDA wird sie zum Alltag.
Und genau deshalb ist die Verzögerung der Verordnung die gefährlichste Phase, nicht die Entwarnung. Die Daten fließen unabhängig vom Gesetzestempo. Die Weiche stellt sich heute, nicht zum Anwendungsdatum.
Die Nachricht aus Brüssel klingt nach Aufschub.
Die letzte Trilog-Runde liegt über ein Jahr zurück, ein Geltungsbeginn wird frühestens für das zweite Halbjahr 2026 erwartet, eher 2027. Verstärkt wird der Eindruck durch die gestaffelte Einführung: FiDA soll schrittweise nach Datenkategorien greifen statt auf einen Schlag, mit Übergangsfristen, die je nach Datentyp zwischen zwei und vier Jahren liegen können. Jede Stufe wirkt wie weiterer Puffer.
Der Puffer trügt. Während Vorstände auf die finale Fassung warten, besetzen Check24, Clark und Finanzguru heute genau die Kundenschnittstelle, die FiDA morgen regulieren wird. Wer das Anwendungsdatum mit dem Tag verwechselt, an dem die Entscheidung fällt, kommt zu spät.
Was die Banken hinter sich haben, erreicht jetzt die Versicherer
Das Brisante für Versicherer: Diese Entwicklung ist keine neue Unbekannte. PSD2 zwang vor Jahren ausschließlich Banken, ihre Kontodaten für Dritte zu öffnen. Auf dieser Pflicht sind die heutigen Aggregatoren überhaupt erst groß geworden. Finanzguru etwa liest per PSD2-Kontozugriff alle Umsätze aus und erkennt daraus laufende Versicherungsverträge automatisch. FiDA weitet dieselbe Logik nun auf den gesamten Finanzsektor aus, und damit erstmals auf die Versicherung.
Dafür schafft die Verordnung eine neue Lizenzrolle: den Financial Information Service Provider. Über sie dürfen künftig auch branchenfremde Anbieter Versicherungsdaten abrufen und veredeln, ohne selbst Versicherer zu sein. Anders als unter PSD2 steht diese Tür ausdrücklich auch FinTechs und Vertrieben offen. Genau hier sitzen die Plattformen in der Pole-Position.
Konkret ist ein FISP ein lizenzierter Datenveredler.
Man kann sich darunter eine App vorstellen, die mit Einwilligung des Kunden seine Versicherungs-, Konto- und Depotdaten an einer Stelle zusammenführt, auswertet und daraus Empfehlungen ableitet. Der FISP verwaltet selbst keine Verträge und trägt kein Risiko. Sein ganzes Geschäftsmodell besteht darin, fremde Daten zu bündeln und den Überblick zu besitzen. Genau dieser Überblick ist der Wert, um den der Wettbewerb läuft.
Eine Daten-Einbahnstraße mit gesetzlichem Zwang
Der gesetzliche Datenfluss läuft nur in eine Richtung, und er trifft jeden Versicherer. Die Herausgabe ist Pflicht, keine Option: Sobald ein Kunde einem lizenzierten Datennutzer die Einwilligung erteilt, muss der Versicherer liefern. Den Auslöser bestimmt der Kunde. Auch das defensivste Haus kann sich dem Abfluss nicht entziehen.
So speist der Versicherer mit seinen Pflichtdaten das 360-Grad-Bild des Wettbewerbers, während sein eigener Blick auf die einzelne Police beschränkt bleibt. Er kann nicht aussteigen.
Zur Fairness gehört: FiDA sieht für Versicherer eine Aufwandsentschädigung für den Datenzugriff vor. Der Versicherer bekommt also eine Gebühr. Sie ersetzt aber weder die Kundenbeziehung noch das Datenbild. Es bleibt eine Bringschuld ohne Holschuld. Wer die Daten der anderen Seite nutzen will, muss selbst Datennutzer werden, investieren und die Einwilligung des Kunden gewinnen. Die Abgabe ist Pflicht. Das Empfangen ist Kür.
Die Zeit spielt dabei für die andere Seite.
Wer seinen Finanzüberblick einmal in einer fremden App eingerichtet hat, wechselt ihn selten wieder. Die Schnittstelle, die heute frei ist, ist in drei Jahren vergeben. Wer zuerst dort steht, bestimmt, welche Angebote der Kunde überhaupt zu sehen bekommt.
Wie groß der Abstand zwischen Erkenntnis und Handeln ist, zeigen die Zahlen: 75 Prozent der Versicherer sehen FiDA als Chance für ihr Geschäftsmodell, doch von 31 befragten Häusern hat genau eines mit der Umsetzung begonnen. Die Branche sieht den Hebel und lässt ihn liegen.
Die Frage ist ob Versicherer ihre Daten nur rausgeben oder selbst zum Datennutzer werden. Denn die Schnittstelle funktioniert in beide Richtungen.
Wer selbst zum Datennutzer wird, dreht den Datenfluss um und gewinnt erstmals das vollständige Versicherungsbild des eigenen Kunden, das über die einzelne Police hinausreicht. Mit seiner Einwilligung wird sichtbar, wo er unterversichert ist, etwa eine Hausratsumme, die nicht mehr zur Wohnsituation passt. Und welche Verträge bei Wettbewerbern demnächst zur Verlängerung anstehen, also genau dann, wenn ein Wechselangebot zählt.
Für einen Vertriebsvorstand ist das die eigentliche Pointe: Aus der lästigen Datenpflicht wird ein Anlass-Radar, ein dauerhafter Strom qualifizierter Verkaufsanlässe, ausgelöst durch echte Veränderungen im Kundenleben statt durch Kaltakquise. Die 360-Grad-Sicht auf das Versicherungsportfolio, die heute die Plattformen aufbauen, entsteht dann im eigenen Haus.
📎 Weiterführend im VTM:
→ FIDA als Gamechanger: So wird aus dem Datenfreigabe-Zwang profitables Wachstum
→ Vergleichsportale auf dem Prüfstand: Der Kampf um den ersten Kundenkontakt
Wer jetzt Datennutzer wird, dreht die Einbahnstraße um
Sofort (0 bis 30 Tage). Die Grundentscheidung gehört auf die Vorstandsagenda: Financial Home oder Produktspezialist. Beide Wege brauchen eine Datennutzer-Fähigkeit, nur in unterschiedlicher Tiefe. Parallel die ehrliche Frage: Welche Daten bräuchten wir von außen, um den nächsten Beratungsanlass vor dem Wettbewerber zu erkennen?
Mittelfristig (30 bis 90 Tage). Den Lizenzpfad zum Datennutzer prüfen und die Pflichtmitgliedschaft in einem Financial Data Sharing Scheme vorbereiten. Sie greift bereits sechs Monate vor dem Geltungsbeginn. Die Schnittstellen-Architektur von Anfang an in beide Richtungen planen, damit nicht nur die Abgabeseite entsteht. Dann einen Anwendungsfall pilotieren, etwa den Anlass-Radar für eine Sparte.
Typische Fallstricke. Der erste: FiDA als reines Compliance- und IT-Projekt budgetieren. Dann baut das Haus die teure Abgabeseite und nie die Nutzenseite. Der zweite: auf den finalen Verordnungstext warten. Die Initiativen rund um BiPRO und FRIDA stehen längst.
KPIs zur Steuerung. Der Anteil schnittstellenfähiger Bestandsprozesse zeigt die technische Reife. Die Quote der aus aggregierten Daten erzeugten Verkaufsanlässe zeigt, ob der Anlass-Radar trägt. Und die Time-to-Consent zeigt das eigentliche Rennen: Wie schnell gewinnt das Haus die Einwilligung des eigenen Kunden, bevor es ein Vertrieb oder eine Plattform tut?
Die Kompetenz liegt schon im Haus
Bis 2028 entscheidet sich, wer in der Open-Finance-Welt das Kundenbild hält und wer nur zuliefert. Wer auf den Gesetzgeber wartet, überlässt dem langsamsten Glied die Taktung. Im Markt bestimmen längst andere das Tempo.
Die gute Nachricht steht in der eigenen Geschichte. Die Versicherungswirtschaft kann Datenstandards. Mit BiPRO hat sie längst bewiesen, dass sie Schnittstellen branchenweit selbst gestaltet. Diese Kompetenz ist vorhanden. Wer sie jetzt auf die Nutzenseite von FiDA richtet, gewinnt die Einwilligung des eigenen Kunden früh und verwandelt die Datenpflicht in einen eigenen Anlass-Radar. Derselbe Anruf, der Kunden heute abwirbt, kann künftig aus dem eigenen Haus kommen. Wer jetzt beginnt, gestaltet die Kundenschnittstelle von Anfang an mit.
Quellen
- Versicherungsforen Leipzig: FiDA – Der Kampf um die Kundenschnittstelle (26.03.2026)
- cash-online: FiDA – Versicherer sehen Chancen, zögern aber bei Investitionen (ibi Research / PPI AG)(29.04.2026)
- Noerr: Data Act und FiDA – Ein Überblick für Finanzinstitute (abgerufen 06.2026)
- PayTechLaw: FiDA – Financial Data Sharing Schemes, Vergütung und Umsetzungsfristen (abgerufen 06.2026)
- Guidewire: Regulierung als Chance – FiDA und der Wandel zum Open-Finance-Ökosystem (November 2025)
Kooperationspartner werden
Erreichen Sie IT- und Innovations-Entscheider der DACH-Versicherungswirtschaft. Sponsored Articles, Jahrespartnerschaften und insureNXT-Pakete.
Kommentare ()