Wie KI mir hilft, bessere Fragen zu stellen — von Mensch zu Mensch
Kolumne: Hands on
Autor: Johannes (Hannes) Oberhofer | LinkedIn
Lesezeit: ca. 2–3 Minuten
💡 Ich arbeite mit einem sicheren Firmenassistenten. Die Routinen funktionieren aber genauso mit öffentlichen Tools wie ChatGPT, Gemini oder Claude. Wichtig dabei: keine sensiblen Daten — anonymisiere, abstrahiere, arbeite mit Platzhaltern.
Reality Check
Vor ein paar Wochen bekam ich einen Ausschnitt Code geschickt. Ein Kollege wollte mir damit zeigen, was in einem unserer KI-Use Cases technisch passiert. Sehr aufmerksam von ihm — trotzdem stand ich erst einmal vor einer Sprache, die als KI-Projektleiter nicht zwingend meine ist.
Ich hätte den Kollegen anrufen können — und das wäre völlig okay gewesen. Manchmal ist genau das die schnellste Lösung. Diesmal habe ich es anders gemacht, weil ich wusste: Wenn ich jetzt mit einer offenen „erklär mir das"-Frage zu ihm gehe, sind wir beide zwanzig Minuten gebunden. Wenn ich mit einer konkreten Hypothese komme, brauchen wir vielleicht fünf.
Also habe ich den Ausschnitt unserer KI "ROBIN" gegeben — mit dem Kontext meiner Rolle und der Use-Case-Logik. Eine Minute später hatte ich ein Verständnis, das gut genug war, um beim Kollegen die richtigen Fragen zu stellen. Von Mensch zu Mensch. Auf Augenhöhe.
Warum das für dich zählt
Wer als ProjektleiterIn oder Product Owner an mehreren Themen gleichzeitig arbeitet, hat nicht selten die Aufgabe, das große Ganze zu führen, ohne in jedem Detail selbst Experte oder Expertin zu sein. Das ist kein Mangel — es ist genau die Rolle.
Genau dafür landet täglich Material auf deinem Tisch, das du nicht auf den ersten Blick komplett durchdringst. Ein Code-Ausschnitt. Eine Vertragsklausel. Ein Schema aus dem Aktuariat. Der klassische und oft beste Weg: direkt beim Kollegen nachfragen. Diese menschliche Interaktion ist nicht zu ersetzen — sie ist häufig der wertvollste Teil deines Arbeitstages.
Es gibt aber Situationen, in denen es klüger ist, sich vor dem Gespräch eine grobe Orientierung zu verschaffen: Wenn du eine konkrete Hypothese brauchst, um das Gespräch produktiv zu führen. Wenn die Zeit des Kollegen knapp ist und du sie nicht mit Grundlagen-Erklärungen verbrauchen willst. Wenn du merkst, dass deine offene Frage „erklär mir das mal" dem Thema nicht gerecht wird.
Genau hier kommt KI ins Spiel. Statt mit einer offenen Verständnisfrage in den Termin zu gehen, kommst du mit einer überprüfbaren Annahme rein („ich habe es so verstanden — passt das?"). Aus dieser Frage ergibt sich entweder eine gute fachliche Diskussion, weil du an einer Stelle danebenliegst — oder eine schnelle Bestätigung, weil dein Verständnis passt. Beides ist wertvoll. Beides würdigt die Expertise deines Gegenübers mehr, als ihn von vorne anfangen zu lassen.
Wichtig dabei: Die KI-Erklärung ersetzt die Expertise des Kollegen nicht. Ganz im Gegenteil. Sie macht sie erst richtig nutzbar. Ich bin überzeugt: KI in dieser Funktion kann einen großen Beitrag zu besserer Zusammenarbeit in Organisationen leisten. Nicht, indem sie Menschen ersetzt — sondern indem sie Gespräche zwischen Menschen vorbereitet.
Was du jetzt tun kannst
Du nimmst eine Gewohnheit, die du sowieso hast — und hängst eine kleine neue Handlung dran. Diese Woche geht es um die Kopplung, die meine Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Welten am stärksten verändert hat:
🌱 Mein Tiny Habit
Wenn ich vor einem Termin eine bessere Frage stellen will, lasse ich mir das Material erst von der KI in einfacher Sprache erklären — mit dem Kontext meiner Rolle.
Mehr nicht. Der Wunsch nach einer besseren Frage ist der Anker — die KI-Vorklärung hängt sich dran. Konkret heißt das:
Schritt 1 — Pack das Material rein, mit deinem Rollenkontext. Nicht nur den Text, den du klären willst, sondern auch den Kontext, aus dem heraus du fragst. Zum Beispiel: „Ich bin Projektleiter für einen KI-Use Case im Bereich X. Ich führe das Projekt strategisch, nicht technisch. Hier ist ein Code-Ausschnitt, den mir ein Kollege geschickt hat. Erklär mir in einfacher Sprache, was er macht — und warum das im Kontext meines Use Cases relevant sein könnte." Der Rollenkontext ist der entscheidende Hebel: Er sagt der KI, wie tief du gehen sollst.
Schritt 2 — Frag nach dem Kern, nicht nach allem. „Was ist der eine zentrale Punkt, den ich verstehen muss? Was kann ich getrost ignorieren?" Damit bekommst du keine vollständige Vorlesung, sondern eine Landkarte mit drei Punkten, an denen du dich orientieren kannst.
Schritt 3 — Geh dann zum Kollegen oder zur Kollegin.
Und sag transparent, was du gemacht hast. „Ich habe mir das vorab in einfacher Sprache erklären lassen, damit ich dir bessere Fragen stellen kann. Hier ist mein Verständnis — passt das?" Aus dieser Frage entsteht entweder eine gute fachliche Diskussion, weil du an einer Stelle danebenliegst — oder eine schnelle Bestätigung, weil dein Verständnis passt. In beiden Fällen ist das Gespräch produktiver, als es ohne Vorbereitung gewesen wäre.
Das Schöne an dieser Routine: Sie ersetzt das menschliche Gespräch nicht. Sie ermöglicht es. In besserer Qualität, auf Augenhöhe, mit weniger Reibungsverlust auf beiden Seiten.
🛡️ Hands on im VTM-Kontext Diese Routine berührt sensible Inhalte: Code, interne Dokumente, Vertragsausschnitte. Ohne freigegebenen Firmenassistenten gilt eine klare Regel: Nicht das Original einfügen — eine entkernte Variante davon.
Die Faustregel: Wenn das, was du eingibst, ausgedruckt am Drucker einer Mitbewerberin landen würde — wäre dir das egal? Wenn ja, ist es okay für ein öffentliches Tool. Wenn nein, entkerne es vorher. Die Routine funktioniert in beiden Welten — sicherer Firmenassistent oder öffentliches Tool — solange du den Kontext vor dem Einfügen kontrollierst.
Bis nächste Woche, Hannes
📤 PS: Kennst du jemanden, der bei technischen oder fachfremden Themen oft zu spät fragt — aus Sorge, andere mit Anfänger-Fragen aufzuhalten? Dann leite diesen Beitrag weiter. Manchmal ist der entscheidende Schritt nicht weniger zu fragen, sondern anders zu fragen.
Kooperationspartner werden
Erreichen Sie IT- und Innovations-Entscheider der DACH-Versicherungswirtschaft. Sponsored Articles, Jahrespartnerschaften und insureNXT-Pakete.
Kommentare ()